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Montag, 19.11.2018, 12:23 Uhr
Die Geographie hat die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Völker stets geformt. Dazu gehören Landschaft und Klima, aber auch Demographie, Kulturräume und der Zugang zu natürlichen Ressourcen.
Tim Marshall zeigt in seinem Buch "Die Macht der Geographie", dass sich beim Blick auf das Warum in der Weltpolitik dieser Faktor nicht ausblenden lässt.

Beispiel Afrika

Viele Afrikaner sind noch heute an eine politische Geographie, die einst die Europäer festgelegt haben, gefesselt. Willkürlich zogen die Kolonialmächte Grenzen, als sie im 19. Jahrhundert den Kontinent unter sich aufteilten.
Sie zwangen unterschiedliche Völker und Volksgruppen, die nicht zusammengehörten, in das Korsett neuer Nationalstaaten. So verbanden etwa die Briten in Nigeria einen christlich geprägten Süden und einen islamistischen Norden.

Auch Libyen ist ein künstliches Korsett, das die Italiener aus drei unterschiedlichen geographischen Regionen zusammenfügten:
Tripolitanien im Westen, das stets Handelsbeziehungen mit den südeuropäischen Nachbarn hatte, die Cyrenaika im Osten, die immer nach Ägypten und zu den arabischen Ländern blickte und das Nomadengebiet des Fessan im Süden, das mit den beiden Küstenregionen nichts gemeinsam hatte. Eine gemeinsame, nationale Identität konnte sich kaum entwickeln. Daher ist das Land nach dem Sturz des Diktators Muammar al−Gadafi im Jahre 2011 wieder in seine drei Bestandteile zerfallen.


Beispiel Asien

China und Indien haben eine lange gemeinsame Grenze, sind aber politisch und kulturell völlig verschieden. Dennoch haben sich die beiden asiatischen Riesen bisher kaum in Kriege miteinander verstrickt.
Denn zwischen beiden Staaten liegt mit dem Himalaya die höchste Gebirgskette der Welt, die von größeren Militärkolonnen kaum überwindbar ist.
Dennoch bleibt die Konkurrenz zwischen den beiden Staaten bestehen.
China hat sich Tibet auch deshalb einverleibt, damit Indien in Tibet nicht das Heft in die Hand bekommen kann. Tibet dient China damit als geostrategischer Puffer.

Hingegen sind Indien und Pakistan durch die Geographie des indischen Subkontinents geradezu aneinandergekettet. Die beiden Erzfeinde haben mehrere Kriege ausgefochten und immer wieder schießen in diesem Konflikt die Emotionen hoch.
Gegenüber Indien mangelt es Pakistan an einer "strategischen Tiefe", d.h. einem Rückzugsraum für den Fall, dass man von Osten her angegriffen wird.
Daher kalkuliert das pakistanische Militär, dass man in der Lage sein sollte, die eigenen Truppen hinter die afghanische Grenze zurückziehen zu können.
Dies erfordert eine wohlmeinende Regierung in Kabul. Somit "diktiert" die Geographie, dass sich Pakistan in Afghanistan engagiert − was übrigens auch Indien tut, denn jede der beiden Seiten ist darauf bedacht, dass Kabul "der Feind des Feindes" ist.
Weiters bleibt die Region Kaschmir ein Zankapfel zwischen diesen beiden Ländern. Eine vollständige Kontrolle würde Indien eine Grenze mit Afghanistan verschaffen. Gleichzeitig würde dies Pakistan die gemeinsame Grenze mit China wegnehmen und damit den Nutzen der Allianz zwischen China und Pakistan mindern.


Beispiel Lateinamerika

Die Anden, mit 7 500 km die längste Gebirgskette der Welt, bilden eine enorme Barriere. Viele Gebiete im Westen werden auf diese Weise vom Osten abgeschnitten.
Aber die Europäer, die vor rund 500 Jahren den Kontinent eroberten, produzierten ein weiteres geographisches Problem, das bis heute viele Latino−Länder daran hindert, ihr Potential voll zu entfalten.
Sie bauten die großen Städte an den Küsten, weil sie die Reichtümer dieser Weltgegend schnell ins Ausland schaffen wollten.
Auch später verabsäumten die überwiegend europäischen Küsteneliten Investitionen in das Landesinnere.
Während in Nordamerika die USA ihr Territorium vom Atlantik bis zum Pazifik ausdehnen konnten, scheiterte in Lateinamerika der Versuch von Simón Bolívar, den Kontinent zu einen.
Bis heute gibt es viele Grenzstreitigkeiten. Ein besonders schroffes Verhältnis herrscht zwischen Bolivien und Chile. Im Jahre 1879 verlor Bolivien im "Salpeterkrieg" mit Chile einen Großteil seines Territoriums, darunter rund 400 km Küste.
Bolivien wurde damit zum Binnenstaat und trotz bedeutender Erdgasvorkommen auch zu einem der ärmsten Länder Lateinamerikas.
Bis heute weigert sich Bolivien, Gas an Chile zu verkaufen, solange es für das Gas nicht ein Stück Küste erhält.


Beispiel Naher Osten

Auch im Nahen Osten wurden vor rund 100 Jahren künstliche Staatsgebilde geschaffen. Eine von Haifa nach Kirkuk verlaufende Linie sollte die Region in britisch und französisch verwaltete Gebiete aufteilen.
Heute drohen die damals willkürlich und ohne Rücksicht auf geographische Gegebenheiten gebildeteten "Nationalstaaten" zu zerfallen.



Neue geographische Gegebenheiten werden die Weltpolitik wesentlich mitbestimmen. Der Klimawandel steht dabei an erster Stelle.
In der Arktis schmilzt das Eis. Dies erleichtert den Zugang zu dieser Region und die Entdeckung von Energievorkommen.
Der Meeresspiegel steigt und die Wüste ist auf dem Vormarsch. Klimaflüchtlinge und neu angefachte Konflikte um Land oder Wasser sind die Folgen einer veränderten Geographie.

Marshall T., 2015, Die Macht der Geographie : wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt, Deutscher Taschenbuch Verlag, München
Tim Marshall | Die Macht der Geographie
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