Längster Bohrkern
Ein Forschungsteam hat einen 228 Meter langen geologischen Bohrkern von unter dem antarktischen Eis zu Tage gebracht. Es handelt sich um die erste derart umfassende Bodenprobe. Anhand der Sedimentschichten soll ablesbar sein, bei welchen Temperaturen das westantarktische Eis schmilzt.
Der Bohrkern wurde rund 700 Kilometer von der nächsten Forschungsstation entfernt unter dem Ross−Schelfeis in der Westantarktis entnommen. Um an die geologischen Schichten zu kommen, musste zunächst ein Loch durch das 523 Meter dicke Eis geschmolzen werden. Anschließend bohrte das unter dem Namen SWAIS2C zusammen gestellte internationale Forschungsteam 228 Meter tief in den Grund der Westantarktis hinein.
Es handelt sich um den längsten jemals entnommenen Bohrkern auf dem antarktischen Kontinent. Die zuvor tiefste Bohrung hatte lediglich zehn Meter umfasst. Insgesamt verbrachte das Team aus zehn Nationen rund zehn Wochen in einem eigens für die Bohrung aufgeschlagenen Camp.
Der Bohrkern ist in erster Linie für künftige Meeresspiegelprognosen wichtig, denn abhängig vom globalen Anstieg der Temperaturen durch den Klimawandel werden entsprechende antarktische Eismengen abschmelzen. Anhand von Satellitenbildern zeigt sich, dass das westantarktische Eisschild schneller an Masse verliert als das ostantarktische. Für den Anstieg des Meeresspiegels ist laut den Forscherinnen und Forschern die Zukunft des westantarktischen Eises deshalb von besonderem Interesse. Schmilzt es komplett, hätte das das Potential den Meeresspiegel um fünf Meter ansteigen zu lassen.
Eine Schlüsselrolle bei der Eisschmelze nimmt das Ross−Schelfeis ein, auf dem die Bohrung stattfand. Das Ross−Schelfeis ist die größte schwimmende bzw. aufliegende Eismasse der Antarktis, sie besitzt etwa die Fläche Frankreichs. Die Eismasse sitze wie ein "Türstopper" vor den westantarktischen Gletschermassen, erklärt der Geowissenschaftler Arne Ulfers vom Leibniz Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) gegenüber ORF Wissen. Das Ross−Schelfeis stabilisiere und fixiere die dahinter liegenden Gletschermassen, sagt Ulfers. Schmilzt es weg, würde das westantarktische Eis ungehindert ins Meer fließen.
Ulfers ist einer von 29 Forscherinnen und Forschern, der an der Bergung des Bohrkerns beteiligt war und große Hoffnungen in die 228 Meter Sedimentgestein setzt. "Sedimente werden in Schichten abgelagert und jede dieser Schichten kann uns Informationen darüber liefern, wie die Umweltbedingungen zum Ablagerungszeitpunkt gewesen sein müssen", sagt er.








In dem Bohrkern kann man theoretisch wie in einem Tagebuch die klimatischen Bedingungen vergangener Epochen nachlesen. Die ältesten Schichten sind rund 23 Millionen Jahre alt. "Wir sind begeistert, nun endlich solch einen Rekordkern gewonnen zu haben, der uns extrem wichtige Aufschlüsse darüber geben wird, wie der westantarktische Eisschild im Rossmeer−Sektor zu Zeiten reagiert hat, die wärmer und CO2−reicher waren als heute", sagt Johann Klages, Geowissenschaftler am Alfred−Wegener Institut.
Bislang ist unbekannt, ob die Westantarktis während vergangener Warmphasen eisfrei war. Die Forscherinnen und Forscher versuchen nun zu errechnen, bei welchen Temperatur die Westantarktis eisfrei war, um daraus Prognosen für die Zukunft abzuleiten. Konkret geht es darum zu ermitteln, ob die Westantarktis bei einer Temperatur von zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau schmilzt. Der Wert könnte durch den Klimawandel zum Ende des Jahrhunderts erreicht werden und gilt als klimapolitischer Schwellenwert, dessen Überschreitung große Folgen hätte.
Die in den Bohrkern gesetzte Erwartungen sind entsprechen groß: "Diese Aufzeichnungen werden uns wichtige Erkenntnisse darüber liefern, wie der westantarktische Eisschild und das Ross−Schelfeis auf Temperaturen über zwei Grad Celsius regieren werden", sagt Huw Horgan, von der ETH Zürich und der Victoria Universität in Wellington.
Tatsächlich konnten die Forschenden bereits Spuren von eisfreien Zeiten dokumentieren. Denn im Bohrkern tauchten Mikrofossilien von Meerestieren auf, die zum Überleben Licht brauchen. Das bestätige die Annahme, "dass es in dieser Region in der Vergangenheit ein eisfreies Meer gab", so Molly Patterson von der US−amerikanischen Universität Binghamton. Wann und unter welchen Bedingungen sich diese Schichten bildeten, ist allerdings noch unklar.
Der Bohrkern wurde an der Bohrstelle in gekühlte Kisten verpackt und anschließend per Flugzeug zur Scott Base transportiert. Von dort werden die Bohrkernstücke nach Neuseeland für eine detaillierte Untersuchung im Labor verschifft. Geöffnet werden die Kühlboxen voraussichtlich im Mai oder Juni. Ein Termin für die abschließenden Erkenntnisse der Untersuchung liegt noch nicht vor.
Quelle:
https://science.orf.at/stories/3234230/
(abgerufen am 23.02.2026)