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Die Buschbrände bis Mitte März waren in Australien extrem, doch ein flüchtiger Blick auf Satellitenaufnahmen der NASA zeigt: Große Teile der Welt brennen nach wie vor. Ein Großteil dieser Feuer sei aber normal, meint ein Experte - denn "Feuer ist nicht gleich Feuer".

Ganz Mexiko sowie große Gebiete Afrikas und Südamerikas sind auf der Satellitenkarte der NASA mit roten Punkten übersäht. Das heißt: Hier brennt es aktuell. Spult man die interaktive Karte nur wenige Wochen in den Februar und März zurück, sind die Gegenden um Vietnam und Myanmar, Kolumbien und Venezuela sowie Nordafrika beinahe flächendeckend rot. Die zur selben Zeit wütenden Brände in Australien wirken auf der Karte beinahe nebensächlich. Auch jetzt warnen Forscher vor verheerenden Bränden in Sibirien, auf der Karte sind sie kaum zu sehen.

Warum Brände wie in Australien und Sibirien die Schlagzeilen dominierten, während über Mexiko und Länder Afrikas aktuell niemand berichtet ? Darauf gibt es viele Antworten. Sie hat der Feuerökologe Johann Goldammer vom Max-Planck-Institut für Chemie, er leitet das Zentrum für globale Feuerüberwachung.


"Zum einen erweckt die NASA-Karte insofern einen falschen Eindruck, als auf den ersten Blick ganze Länder bzw. große Regionen brennen müssten", erklärt Goldammer. Zoomt man in die Karte der NASA hinein, verteilen sich die großen, roten Farbkleckse auf kleine Pixel, die immer weiter auseinander rutschen, je näher man die Landkarte heranholt. "Manche dieser Feuer sind am Ende gerade einmal einen halben Hektar groß." Zudem markieren die Satellitenaufnahmen vereinzelt auch Orte wie Industrieanlagen, wo mit Feuer gearbeitet wird, oder Oberflächen, die sich in der Sonne aufheizen.

Demnach sagt die Karte auch nichts darüber aus, wie zerstörerisch ein Feuer ist. "Ein roter Pixel in Australien kann also bedeuten, dass ein heftiger Feuersturm dort im Wald brennt oder eine Ortschaft erfasst wird. Wo hingegen ein Pixel in den afrikanischen Savannen ein kleiner Felderbrand ist, der für diese Jahreszeit typisch ist und mit dem Weidegebiete gepflegt werden", erklärt Goldammer.

Insgesamt brennen jedes Jahr weltweit 300 bis 600 Millionen Hektar Land, so das Ergebnis jahrelanger Satellitenbeobachtungen. Der Schwankungsrahmen des Normalen ist also groß. "Entscheidend sind aber nicht unbedingt die Flächen selbst, sondern die Frage, wo hat es gebrannt, wie hat es gebrannt und was waren die Auswirkungen von diesen Feuern", erklärt Goldammer und weist darauf hin, dass Feuer nicht gleich Feuer ist.

So gibt es Regionen, in denen Feuer grundsätzlich nichts zu suchen haben. Dazu gehören der tropische Regenwald im Amazonasbecken, im Kongobecken sowie in Südostasien − vor allem in Indonesien. Ohne Einfluss des Menschen brennt es hier nie, erklärt Goldammer. Feuer sind einfach nicht vorgesehen. "Das bisherige Klima mit hoher Feuchtigkeit und viel Niederschlag führte dazu, dass sich hier Pflanzen und Tiere ausgebreitet haben, die sehr feuerempfindlich sind."

Für den Anbau von Ölpalmen, Sojapflanzen und Zuckerrohr sowie für Weideflächen für Rinder werden aber Flächen im Regenwald gerodet, getrocknet und anschließend abgebrannt. "Das Feuer ist hier ein Werkzeug, um die natürliche Vegetation loszuwerden." Von diesen Bränden gehen nicht zuletzt oft unkontrollierte Wildfeuer aus, wie zuletzt im Sommer 2019. Hier spielte auch der Klimawandel eine entscheidende Rolle, so der Feuerökologe. "Wir sehen auch in diesen Gebieten immer mehr Trockenperioden, die früher nicht üblich waren, und in denen sich die Feuer dann leichter ausbreiten können." Die Folgen solcher Brände sind verheerend für die Pflanzen- und Tierwelt, die daran nicht angepasst sind.

Etwas südlich vom Amazonas-Regenwald hingegen ist die Vegetation der Wald- und Buschsavannen immer schon durch klare Regen- und Trockenzeiten und damit auch durch saisonale Feuer bestimmt. Auch nördlich vom Kongobecken sowie südlich der Sahara gibt es zyklische Feuer. Manche Flächen brennen alle ein bis drei Jahre, andere alle fünf oder zehn. "Hier haben sich jene Arten durchgesetzt, die sich an das Feuer anpassen konnten und dadurch nicht zerstört werden. Sie können das Feuer sogar für sich nutzen."

Ähnlich ist es in Sibirien. Auch hier sind Feuer grundsätzlich ein natürlicher Bestandteil des Ökosystems. Waldbrände in der Taiga − vor allem in der hellen Taiga − gibt es seit Jahrtausenden. Allerdings haben sich die Brände hier verändert: Die regional stark ansteigenden Temperaturen treiben den üblichen Feuergürtel immer weiter nordwärts, in Gebiete, wo Feuer nichts mehr zu suchen haben. Dadurch tauen hier die dauergefrorenen Böden − der Permafrost − immer weiter auf. "Wälder, die sich früher nach einem Feuer sehr wohl noch regenerieren konnten, können das heute nicht mehr. Das lassen die verändernden Rahmenbedingungen des Klimas nicht mehr zu."

An die Stelle von Wäldern treten Savannenvegetationen und Graslandwüsten. Diese findet man neben Sibirien auch in der Mongolei immer mehr, so Goldammer. Das Abholzen von Wäldern verstärkt den negativen Effekt. "Dieses degradierte Ökosystem bietet wesentlich weniger Ökosystemleistungen für die Umwelt als eine Waldlandschaft. Wir befürchten, dass sich durch den globalen Klimawandel und durch den zunehmenden Raubbau an den Landschaften hier neue Gleichgewichtszustände einstellen werden, die im Hinblick auf Artenvielfalt, Produktivität und Kohlenstoffbindung versagen." Das betrifft auch die Regenwälder.

Generell seien die weltweit intensiven Feuerkatastrophen der vergangenen zwei Jahre wie in Kalifornien, Südamerika, Sibirien, Indonesien, Kanada, Portugal und nicht zuletzt auch in Australien im Kontext miteinander zu betrachten. Nicht nur weil sie viel mediale Aufmerksamkeit erlangt haben. Die Brände waren anders als in üblichen Saisonen und konnten sich nicht zuletzt auch aufgrund der enormen Trockenheit derart ausbreiten, erläutert Goldammer. In Australien machten zusätzliche Hitzerekorde die Brände kaum beherrschbar.

Dass es sich dabei nicht nur um eine Laune der Natur handelte, sondern auch die Klimaerwärmung erheblich zu den Brandbedingungen beigetragen hat, zeigen erste wissenschaftliche Analysen. "Wir befinden uns hier durchaus an einem Scheidepunkt, wo wir erkennen, dass wir aufgrund des Klimawandels neue Bedingungen haben, von denen wir noch gar nicht wissen, wo sie uns hinführen werden", erklärt Goldammer.

Der Feuerökologe fordert die Politik auf, aktiv zu werden und nicht nur "den Feuern hinterherzulaufen." Das heißt unter anderem auch, altes Wissen und alte Praktiken wieder auszugraben. Indigene Völker in Australien, Afrika, Süd- und Nordamerika wussten beispielsweise, so Goldammer: "Werden am Anfang der Trockenzeit kontrollierte Feuer gelegt, kann man zum Teil schlimmere Brände zu einem späteren Zeitpunkt verhindern."

Aktives Feuermanagement bringt in der modernen Welt aber durchaus Konflikte mit sich, ergänzt der Feuerökologe. Immerhin werden auch bei diesen Bränden Treibhausgase freigesetzt, in manchen Fällen betrifft die Rauchbelastung direkt angrenzende Siedlungen. Die Brände in Australien haben die Diskussionen über solche Maßnahmen wieder aufleben lassen: Während die einen behaupten, sie seien darin gehindert worden, das notwendige Feuermanagement durchzuführen, sind die anderen davon überzeugt, es hätte nichts genutzt, berichtet Goldammer.

Solche Debatten seien zwar wichtig. "Dennoch müssen wir uns überlegen, wie wir uns vor diese Entwicklungen stellen können. Wir müssen Wege finden, diese Ökosysteme so zu bewirtschaften, dass sie halt nicht dem Zufall des Feuers und auch nicht der Destruktivität des Feuers ausgesetzt sind, sondern dass wir die Dinge aktiver in die Hand nehmen."

Quelle:
https://science.orf.at/stories/3200328/
(abgerufen am 04.06.2020)