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Dienstag, 19.03.2019, 11:30 Uhr
Grundsätzlich ist viel Schnee immer gut für die Gletscher. Denn je dicker die Schneedecke auf dem Gletschereis, desto länger schützt sie das Eis im Sommer vor dem Abschmelzen, erklärt der Gletscherforscher Georg Kaser von der Universität Innsbruck. Im Sommer muss die Sonne dann zuerst den Schnee abschmelzen, bevor sie den Gletscher auftaut. So lange hat der Gletscher eine Verschnaufpause.

Das Problem ist allerdings: Nur weil an einigen Tagen und Wochen viel Schnee fällt, heißt das nicht, dass dieser auch bis in den späten Frühling auf den Gletschern liegen bleibt. "Das passiert bei Gletschern sehr oft, dass die dann am Ende gar nicht so viel Schnee ansammeln, wie man das in den mittleren Tallagen meinen möchte."

Vor allem starker Wind sorgt dafür, dass der Schnee von den Gletschern verblasen wird. Zudem kann es am Ende des Winters und Frühlings in niedrigeren Gletscherregionen durchaus auch tauen oder den Schnee zum Teil wegregnen. Aktuell ist das Problem aber ein ganz anderes: "Dort, wo es die Gletscher brauchen würden, kommt der viele Schneefall im Wesentlichen nicht hin. Also in den Gletscherregionen der Ostalpen wie Silvretta, Ötztaler und Zillertaler Gletscher sowie zentralen Tauern - mit Ausnahme des Dachsteins und der nördlichen Ausläufer in den hohen Tauern."

Zudem herrschte in den vergangenen Tagen in den meisten Gletschergebieten starker Wind, gibt der Gletscherforscher zu bedenken. Wie viel Schneeschutzschicht auf den Gletschern liegen bleibt, wird sich letztlich erst im Frühjahr zeigen.

Sollte sich bis dahin tatsächlich in manchen Gletscherregionen viel Schnee angesammelt haben, wäre aber auch das keine Garantie dafür, dass die Gletscher über den Sommer gut geschützt sind und kaum abschmelzen. Kommt es nämlich zu einem extrem heißen Sommer wie im vergangenen Jahr, hilft auch der Schnee aus den Vormonaten nur begrenzt, so Kaser. "Auch im letzten Jahr hatten wir Herbst, Winter und Frühling zum Teil relativ viel Schnee - und trotzdem war es dann im August bis in den September hinein so warm, dass am Ende große Gletschermassen verloren gingen." Seit dem Jahr 2000 verzeichnen Forscher auf heimischen Gletschern immer wieder große Massenverluste.

Und warum schneit es derzeit so viel? Das kann unterschiedliche Gründe haben, meint Kaser. Einerseits ist ein Zusammenhang mit dem Klimawandel möglich. Die durch den Klimawandel erwärmten Meere sowie die veränderten Luftströmungen in der Atmosphäre könnten für dieses Phänomen entscheidend sein. "Im letzten Sommer wurde der Atlantik ungewöhnlich stark erwärmt. Ein stark aufgewärmter Atlantik sowie abgeschwächte Temperatur- und Druckunterschiede zwischen niedrigen und hohen Breiten führen zu Zirkulationsmustern, die ungewöhnlich hohe Niederschläge verursachen können."

Zu dieser Erklärung kommen aktuell auch Klimaforscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, wie die Deutsche Presse-Agentur schreibt. Ihnen zufolge spiele im Detail aber auch der Gebirgseffekt eine wichtige Rolle in der Extremwetterlage. "Wir haben gerade eine massive Nord-Anströmung, die über die Nordsee geht, die noch relativ milde Temperaturen für die Jahreszeit hat - da ist das Potenzial für Feuchtigkeit da", so der Potsdamer Klimaforscher Peter Hoffmann gegenüber der dpa. "Diese Windströmung läuft genau gegen die Mittelgebirge und gegen die Alpen."

Hoffmann zufolge verstärkt der Gebirgseffekt solche Niederschlagsereignisse. "Man hat quasi Stauniederschläge an der Vorderseite der Gebirge. Im Sommer führen diese Niederschläge zu Hochwasser, im Winter zu intensiven Schneefällen."

Verändert sich nun klimabedingt die Strömung und kommt es häufiger zu Nord-Süd-Wetterlagen, verstärkt das wiederum den Gebirgseffekt, erklärt der Klimaforscher Peter Hoffmann.

Andererseits sei es genauso denkbar, dass es sich hier um ein Extremwetterereignis handelt, das mit dem Klimawandel überhaupt nichts zu tun hat, so Kaser: "Wir haben gerade beim Winterniederschlag sehr hohe Variabilitäten, die klare Zuordnungen nicht seriös zulassen."

Quelle:
https://science.orf.at/stories/2958009/
(abgerufen am 10.01.2019)
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