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Die Coronavirus−Epidemie breitet sich weiter explosionsartig aus: Weltweit sind seit Dezember über 45.000 Infizierte in zwei Dutzend Ländern registriert worden, der allergrößte Teil im chinesischen Ursprungsgebiet Hubei rund um Wuhan. Allerdings gibt es offenbar große Lücken in der Erfassung, aus Afrika wurde bisher kein Falle gemeldet − obwohl die Kontakte mit China sehr eng sind. Über 1000 Menschen sind an der neuen Lungenkrankheit gestorben, fast ausschließlich immunologisch geschwächte, vorerkrankte und meistens ältere Menschen. Kinder können sich zwar anstecken, bisher sind aber keine schweren Erkrankungen oder Todesfälle unter ihnen dokumentiert − eines der vielen Rätsel um das neue Coronavirus, wie die Frage nach dem Ursprung: Wann und von welchem Tier der neue Erreger auf den Menschen übersprungen ist, bleibt umstritten. Die größte Ähnlichkeit gibt es zu einem Fledermaus−Virus.

Wie ansteckend ist das Virus ?

2019−nCoV überträgt sich viel leichter als das Sars−Coronavirus, das 2002/2003 als Pandemie−Virus um die Welt ging, aber wohl noch nicht so schnell wie Grippe−Viren. Entscheidend sind drei Eigenschaften, die trotz einiger Studien aus der Krisenregion Hubei noch nicht völlig geklärt sind: die Übertragungswege, die Infektiosität und die durchschnittliche Ansteckungszahl.

Unterhalb der Ansteckungsgefahr von Grippeviren liegt das neue Coronavirus offenbar, wenn es um die Übertragungswege geht. Influenza kann auch schon bei flüchtigem Kontakt durch kleinste Tröpfchen über die Luft (beispielsweise bei Schnupfen und Husten) übertragen werden, die zahlreiche Viruspartikel enthalten. Bei 2019−nCoV hat sich die Einschätzung des Übertragungsweges kontinuierlich geändert. Anfangs behaupteten die chinesischen Behörden, es habe ausschließlich eine Übertragung von Tier−zu−Mensch gegeben. Nach wenigen Wochen war durch erste klinische Verläufe klar: Eine Mensch−zu−Mensch−Übertragung ist möglich. Die Einschätzung, dass dazu enger Kontakt nötig ist, also Schmierinfektionen, wie sie bei Klinikpersonal oder Angehörigen vorkommen, wurde auch schnell widerlegt. Inzwischen hat man in Studien gezeigt, dass sich die Viren nicht wie bei Sars nur in den unteren Bereichen der Lungenflügel stark vermehren und die Lungenbläschen zerstören, sondern es wurden auch Erreger im Rachenraum und den oberen Luftwegen entdeckt. Beim Husten dürften sie damit leicht ausgestoßen werden. Zur Zeit gehen Mediziner davon aus, dass die Coronaviren schon bei einem Kontakt mit infektiösen Personen von mindestens 15 Minuten bei einem Abstand von zwei Metern wahrscheinlich ist. Studien deuten außerdem darauf hin, dass die Viren bei zwanzig Grad eine zeitlang auf unbehandelten Gegenständen, etwa Türklinken, intakt bleiben.

Wichtig ist auch die Infektiosität der Virusträger: In welcher Phase der Infektion können die Viren übertragen werden ? Mit dem Fall in München, bei dem sich Firmenmitarbeiter in einem Seminar bei einer aus Wuhan angereisten infizierten Kollegin angesteckt hatten, wurde der Verdacht einiger chinesischer Ärzte bestätigt, dass eine Virus−Übertragung nicht nur bei akutem Fieber, Husten und Schnupfen möglich ist, sondern schon bei Infizierten ohne diese Symptome − also bei quasi noch gesund scheinenden Personen in der Inkubationszeit (die auf 2 bis 11 Tage geschätzt wird). Allerdings ist mittlerweile nach einer erneuten Befragung der Chinesin klar geworden, dass die "Index"−Patientin zum Zeitpunkt der Ansteckung wohl doch nicht ganz symptomlos war. Sie klagte bereits über milde, frühe Symptome wie Mattigkeit, hatte vielleicht auch schon geringes Fieber. Solche Patienten sind bei Flughafenkontrollen schwer zu ermitteln, sie begünstigen also die Ausbreitung.

Die Letalität oder Sterblichkeit ist ebenfalls nicht leicht zu ermitteln, weil ein großer Teil der infizierten Personen bisher nicht ermittelt werden konnte. Ist die Sterblichkeit gering und verläuft die Infektion milde oder symptomlos, tauchen viele Virusträger überhaupt nicht in Kliniken, bei Ärzten und damit in keiner Statistik auf. Ermittelt wurde die mutmaßliche Sterblichkeit bisher vor allem aufgrund der gesicherten Infektionszahlen und der an der neuen Lungenkrankheit letztlich gestorbenen Patienten. Die fallbezogene Letalität liegt derzeit geschätzt zwischen 2 und 4 Prozent. Influenzaviren liegen sehr weit darunter im Weniger−Zehntel−Prozent−Bereich. Bei Sars lag die Sterblichkeit am Ende der monatelangen Infektionskette bei knapp zehn Prozent (zehn Prozent der Klinikpatienten starben), bei der anderen schweren Coronavirus−Epidemie Mers lag der Wert gar bei 35 Prozent.

2019−nCoV ist also deutlich weniger tödlich als andere Coronaviren, aber derzeit um mindestens eine Größenordnung tödlicher als die Grippe, allerdings auch nur, wenn man davon ausgeht, dass ein großer Teil der Coronavirus−Infizierten erfasst wird. Davon gehen Epidemiologen lange nicht mehr aus. Geschätzt wird aus Modellstudien, dass derzeit mindestens zehn− bis zwanzigmal mal so viele Menschen in Festland−China infiziert sind wie in den offiziellen Statistiken auftauchen. Das bedeutet auch, dass die Sterblichkeit wohl deutlich unterhalb der aktuellen zwei bis vier Prozent liegt.

Was bringen die Gegenmaßnahmen ?

Grundsätzlich ist die effektivste Maßnahme nach Ausbruch eines neuen Erregers die Isolierung der Überträger. Bei Sars hat die konsequente Nachverfolgung und Isolierung der Virusträger zum Ende der Infektionswelle geführt. Ob allerdings die massiven Isolierungsmaßnahmen in Wuhan und anderen Städten in der Region Hubei (mit inzwischen großangelegten Desinfektionsmaßnahmen) belohnt werden und die Epidemie so eingedämmt wird, ist noch unklar. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die schnelle konsequente Isolierung unterstützt. Es ist ein infektiologischer Feldversuch, an dem unfreiwillig mehr als fünfzig Millionen Menschen teilnehmen. Fest steht: Die Quarantäne kam zu spät, um die Ausbreitung des Virus gleich am Anfang zu unterbinden. Dafür sprechen die nach wie vor hohen Neuerkrankungsraten. Die dürften nach Berechnungen von Epidemiologen auch noch die nächsten ein bis zwei Wochen ansteigen. Grundsätzliche von oben angeordnete Reisebeschränkungen sind nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation nicht wirksam.

Die Quarantäne von eingeflogenen Personen in bisher unbelastete Regionen, wie in Deutschland für ungefähr hundert Wuhan−Rückkehrer, kann helfen, wenn die Isolierung wie in vielen Fällen angeordnet mindestens zwei Wochen dauert. So lange muss man wegen der Inkubationszeit des Virus warten, um sicher zu sein, dass die isolierten Personen nicht doch erkranken und die Viren damit sehr leicht übertragen können. Diskutiert werden derzeit eine Art Meldesystem von Einreisenden aus Infektionsgebieten, um eine spätere Nachverfolgung infizierter Personen zu ermöglichen.

Was die Kontrollen und Screenings an Flughäfen und Straßensperren bringen, ist angesichts der hohen Dunkelzifferrate der Infizierten ebenfalls extrem fraglich. Offenbar reisen viele Infizierte (Fachleute sprechen von drei− bis zehnmal so vielen Krankheitsfällen wie dokumentiert) mit milden Krankheitszeichen oder ohne Symptome. Solche Virusträger werden durch Fiebermessen selten entdeckt.

Wann wird es einen Impfstoff geben ?

Ursächlich wirkende Medikamente gegen die Viren gibt es bisher nicht, allerdings haben Unternehmen zusammen mit der chinesischen Regierung klinische Studien begonnen, um einige Wirkstoffe zu testen.

Impfstoffe sind ebenfalls in verschiedenen Labors auf Basis der inzwischen gesammelten molekularen Eigenschaften der Virusoberfläche in der Entwicklung. Allerdings rechnen Experten mit einer mehrmonatigen Entwicklungsphase. Anschließend müssen die Vakzine−Kandidaten auf ihre Sicherheit und Wirksamkeit umfänglich getestet werden. Vor Anfang oder Mitte 2021 wird ein Impfstoff kaum zur Verfügung stehen. Angesichts der Erregereigenschaften und des wahrscheinlichen Szenarios der Virenausbreitung rechnen Epidemiologen allerdings auch damit, dass 2019−nCoV sich möglicherweise als weiteres Erkältungsvirus etabliert, saisonal wiederkehrt und vorerst kaum ausgerottet werden kann.

Quelle:
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus−toedlich−der−faz
(abgerufen am 13.02.2020)