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Aufforstung könnte die Erderwärmung dämpfen. Das wäre wirksamer als jede andere Maßnahme, unterstreichen nun Forscher: Weltweit wäre Platz für eine Milliarde Hektar Wald zusätzlich - das würde zwei Drittel aller von Menschen verursachten CO2-Emissionen binden.

Um die Klimaerwärmung zumindest zu bremsen, sind wirksame Maßnahmen dringend gefragt. Bäume zu pflanzen könnte eine solche sein. Diese binden nämlich klimaschädliches CO2. Allein die österreichischen Wälder speichern auf einer Fläche von vier Millionen Hektar (fast die halbe Fläche Österreichs) ca. 985 Mio. Tonnen Kohlenstoff.

Um tatsächlich wirksam zu werden, müsste eine globale Aufforstung allerdings wirklich in großem Ausmaß passieren - darüber sind sich internationale Experten und Expertinnen einig. Auch der Weltklimarat empfiehlt in seinem letzten Special Report aus dem Oktober 2018 unter anderem eine großflächige Aufforstung, um das im Pariser Klimaabkommen festgelegte 1,5-Grad-Ziel bis 2050 zu erreichen: eine Milliarde Hektar Wald wären dafür notwendig.

Bleibt die Frage, ob das zumindest theoretisch möglich wäre. Wie viele zusätzliche Bäume könnte man unter den derzeitigen klimatischen Verhältnissen überhaupt pflanzen? Der Beantwortung widmete sich nun ein Team um Jean-Francois Bastin von der ETH Zürich. Bis jetzt existieren dafür nur recht grobe Näherungen, schreiben die Forscher in ihrer aktuellen Studie in "Science". Sie haben fast 80.000 Satellitenaufnahmen von relativ unberührten Wäldern analysiert - von dichten Urwäldern bis zu nur dünn bewaldeten Gegenden −, um die reale sowie mögliche Bedeckung auszurechnen.

Insgesamt könnte die Erde mit rund 4,4 Milliarden Hektar Wald bedeckt sein, so das Ergebnis. Das sind 1,6 Milliarden Hektar mehr, als es derzeit der Fall ist. Wenn man davon jene Regionen abzieht, die die wachsende Menschheit für Landwirtschaft und Städte braucht, bleiben 0,9 Milliarden Hektar, die man mit Bäumen bepflanzen könnte. Das entspricht ungefähr der Größe der USA. Ausgewachsen könnten diese neuen Wälder 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern − etwa zwei Drittel jener Menge, die seit der industriellen Revolution durch menschliche Aktivitäten in die Atmosphäre gelangt sind.

Mehr als die Hälfte der theoretisch zur Aufforstung geeigneten Fläche findet sich den Forschern zufolge in nur sechs Ländern: in Russland (151 Mio. Hektar), in den USA (103 Mio. Hektar), in Kanada (78,4 Mio. Hektar), Australien (58 Mio. Hektar), Brasilien (49,7 Mio. Hektar) und China (40,2 Mio. Hektar). Das zeige erneut, welche Verantwortung hinsichtlich der Klimakrise in den Händen der weltweit größten Industrienationen liegt.

Wie viel eine gezielte globale Aufforstung im Kampf gegen die Erderwärmung beitragen könnte, hat die Wissenschaftler selbst überrascht. Es sei die beste derzeit verfügbare Lösung, meint dazu Mitautor Tom Crowther in einer Aussendung: "Allerdings müssen wir schnell handeln, denn es wird Jahrzehnte dauern, bis die Wälder reifen und ihr Potenzial als natürliche CO2-Speicher ausschöpfen."

Außerdem schrumpfen die derzeitigen Möglichkeiten zur Aufforstung, wenn der Klimawandel weiter voranschreitet, betonen die Autoren. Denn anders als viele Modelle annehmen, wird die Bewaldung mit der Erwärmung nicht zu-, sondern global betrachtet eher abnehmen. Flächen im Norden werden zwar geringfügig wachsen, was die Verluste in den dichten tropischen Wäldern aber nicht ausgleichen wird.

Wie entscheidend die Rolle der tropischen Wälder ist und sein wird, betonen auch nicht an der Studie beteiligte Forscher gegenüber dem deutschen Science Media Center. Denn zuallererst müsse einmal die Entwaldung gestoppt werden, speziell in Brasilien und Indonesien, erklärt Felix Creutzig vom Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change. Dafür wäre es notwendig, den Fleischkonsum auch in Europa zu reduzieren, denn auf den meisten gerodeten Flächen wächst Soja für Futtermittel.

Dabei hat der Wald in den Tropen neben der CO2-Aufnahme noch zusätzliche positive Wirkungen auf das Klima, wie Almut Arneth vom Karlsruher Institut für Technologie ausführt. Durch die Verdunstung sorgt er nämlich für regionale Abkühlung. Im Norden hingegen könnte die Wälder regional sogar zu höheren Temperaturen führen, weil sie Sonnenlicht absorbieren. Hinsichtlich der Klimawirksamkeit sei daher die Aufforstung vor allem in den Tropen sinnvoll.

Den tropischen Wäldern widmet sich eine weitere neue, soeben in "Science Advances"Karlheinz Erb vom Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur meint wie viele andere Experten, dass Aufforstung zwar keine Wunderwaffe im Kampf gegen die Erderwärmung ist, aber ein wichtiger und relativ unkomplizierter Teil der Lösung. Außerdem könne man mit der Aufforstung mehr als nur das Klima retten, betonen auch Pedro Brancalion und Robin Chazdon in einem Begleitkommentar zur "Science"-Studie. Ganz nebenbei nütze sie unter anderem auch der Biodiversität, der regionalen Wirtschaft, der Nahrungssicherheit und den Ökosystemen. erschienene Studie. Die Forscher um Pedro Brancalion von der Universität Sao Paulo haben dafür jene Gegenden identifiziert, wo man verloren gegangenen Regenwald − mit dem größten Nutzen für das Klima und die Ökosysteme - wieder aufforsten sollte, insgesamt etwa 100 Mio. Hektar in Mittel- und Südamerika, in Afrika und in Südostasien. Und die regionale Bevölkerung könnte den frisch gepflanzten Wald sogar produktiv nutzen, z. B. für Rattanpalmen, Kaffee- oder Kakaopflanzen.

Quelle:
https://science.orf.at/stories/2987899/
(abgerufen am 2019.07.04)
Weizen vom Mittelmeer